Das Geschlecht von Mann und Frau in der Kunst – wir haben uns heute ein erotisches Thema ausgewählt. Es dreht sich alles darum wie man das Nicht-Darstellbare darstellen kann. Ich erkläre dir, wie die Kunst das Geschlecht versteckt und dadurch gleichzeitig den Fokus darauf setzt. Ab wann gilt ein Kunstwerk als „zu erotisch„? Und wer bestimmt das? Welche Rolle spielen die Kirche und unsere Moralvorstellungen?
Lass uns einen imaginären Ausflug machen: Wir gehen gemeinsam durch ein Museum. Skulpturen, Gemälde, antike Helden, Göttinnen. Überall sehen wir nackte Körper. Und plötzlich fällt uns etwas auf: Das Geschlecht ist oft nicht wirklich zu sehen. Und wenn, dann nicht realistisch. Da ist ein Feigenblatt, ein geschickt drapiertes Tuch oder eine Haarsträhne, die genau an die richtige Stelle fällt. Zufall? Wohl kaum.
Die Geschichte der Nacktheit in der Kunst ist nicht nur eine Geschichte des Körpers. Sie ist eine Geschichte von Zensur, Scham, Moral, Begehren, Kontrolle und Macht. Lass uns eintauchen in die Welt der Feigenblätter & Co.
Wie Scham in die Kunst kam: Adam und Eva
Wenn wir über Scham in der Kunst sprechen, landen wir fast automatisch bei Adam und Eva. In der biblischen Erzählung leben sie zunächst nackt im Paradies – ohne Scham. Erst nachdem sie vom Baum der Erkenntnis essen, erkennen sie ihre Nacktheit und beginnen, ihren Körper zu bedecken. Dieses Motiv prägt die christliche Kunst über Jahrhunderte. Der nackte Körper wird zu einem Problem. Vor allem das Geschlecht muss verborgen bleiben. Interessant ist jedoch ein Detail: In vielen Darstellungen sind Adam und Eva bereits bedeckt, bevor sie vom verbotenen Apfel essen. Die moralische Ordnung greift also früher ein als die biblische Erzählung selbst. Das Feigenblatt wird zum Symbol dieser neuen Ordnung.
Hier spielt die Kirche eine zentrale Rolle beziehungsweise das Misstrauen der Kirche gegenüber sexuellem Verlangen. Die Wolllust ist eine Todsünde. Und damit verbunden sind Gier, Kontrolle, Macht, Nacktheit und natürlich sexuelle Fantasien. Das Geschlecht muss also von Anfang an verborgen bleiben. Mit den Feigenblättern bekleidet man nicht nur den Körper, man löst gewissermassen auch ein theologisches Problem. Bei den frühen, christlichen Darstellungen halten Adam und Eva das Feigenblatt übrigens noch selbst in der Hand (siehe Altar von Gent als Beispiel). Bald schon ranken sich die Blätter wie von selbst um ihr Geschlecht. Das gibt den Künstlern mehr Gestaltungsspielraum. Die Posen werden somit kreativer. Man wechselt zudem von Feigen- auf Weinblätter und etwas später haben wir ein ganzes Gewächshaus an Optionen.
Die Frage, die die Künstler:innen also Jahrhunderte lang umtreibt, lautet: Wie kann man das Nicht-Darstellbare darstellen. Sie beantworten diese Frage auf höchst kreative Art und Weise. Bei Männern und Frauen gibt es klare Attribute. Bei Frauen werden eher liebliche Elemente eingesetzt, also Blumen, Schmuck (wie Perlen), Tücher, Spiegel, Pelze oder eben die zuvor erwähnten langen Haare. Bei Männern sind es eher Attribute, die die Männlichkeit betonen, also Schwerter, Keulen, Seile, Pfeile, Kakteen und Pinsel.
In seinem Bild „Männerbad“ hat Albrecht Dürer die Zensur aufs Korn genommen. Alle Männer sind bekleidet und tragen Badehosen, aber bei dem einen, der links im Vordergrund steht, ragt vor seinem Geschlecht dominant ein Wasserhahn hervor. Auch andere Gegenstände wie eine Flöte spielen auf das Geschlecht an. Eine sehr witzige Interpretation von Dürer.
Ohne Scham: Nacktheit in der antiken Kunst
Die Nacktheit war nicht immer ein Tabuthema. In der griechischen und römischen Antike gehörte der nackte Körper ganz selbstverständlich zur Kunst. Athleten, Götter und Helden wurden nackt dargestellt. Doch auch hier wird der Körper nicht realistisch gezeigt. Die Körper werden idealisiert und das Geschlecht zivilisiert. Bei beiden Geschlechtern fehlen die Schamhaare komplett. Bei den Frauen sehen wir eine glatte, geschlossene Vulva, quasi ein Dreieck. Der Mann bekommt das Geschlecht eines Knaben. Interessant dabei: Sein Geschlecht ruht. Anders als bei Tieren kann der Mann seine Triebe nämlich beherrschen. Umgekehrt heisst das: Wir sind zivilisiert. Der Körper soll also nicht sexuelles Begehren zeigen, sondern Selbstbeherrschung und Zivilisation.
Mit dem Christentum kommt, was kommen muss: Das Verbotene weckt die Kreativität.
Die Venus pudica: Die raffinierte Scham der Venus
Wie seriös darf Nacktheit in der Kunst nun wirken? Und ab wann gilt sie als „zu erotisch“? Als Vorlage für die Darstellung der Frau dient uns die sogenannte Venus pudica – die „schamhafte Venus“. Es handelt sich hier um eine stehende Venus, die mit einer Hand ihr Geschlecht bedeckt. Ausgangspunkt ist die antike Aphrodite von Knidos, zugeschrieben Praxiteles. Die Schamgeste soll die Figur als züchtig markieren, doch genau diese Geste lenkt den Blick dorthin. Die vermeintliche Scham funktioniert wie eine Jalousie: Sie verdeckt und macht gleichzeitig neugierig.
Im Zeitalter der Renaissance beginnt ein interessantes Spiel mit der Nacktheit. Sandro Botticellis Geburt der Venus zeigt dies besonders elegant. Die Göttin versucht, ihren Körper zu bedecken. Ihr langes Haar fällt über ihren Schoss, ein Arm schützt die Brust. Die Nacktheit bleibt sichtbar, aber sie wirkt moralisch akzeptabel – göttlich und rein. Doch schaue dir mal die Form ihrer Haare an, die sich um ihr Geschlecht winden. Man könnte beinahe denken, dass sie die Öffnung der Vulva abbilden. Dasselbe Motiv nimmt Botticelli weiter oben wieder auf mit dem Tuch, das die Personifikation des Frühlings um die Gottheit schlingen will. Die Haare der Venus wehen in die Öffnung des Tuches hinein. Erotik pur.
Eine hochidealisierte Nacktheit – göttlich, keusch, schön, aber keineswegs „pornografisch“. Man könnte sagen: Die Körperlichkeit wird spiritualisiert, und die Schamgeste hilft, das zu verkaufen. Diese Strategie ist wichtig, um zu verstehen, warum andere Bilder so viel skandalöser wirken. Denn formal ist die Nacktheit ähnlich, aber der Kontext ändert sich. Lass uns das genauer anschauen.
Wenn die Nacktheit plötzlich zu real wird
Im 16. Jahrhundert verschiebt sich der Kontext. Tizians Venus von Urbino liegt nicht mehr im mythologischen Raum, sondern in einem Schlafzimmer (also ein irdischer Innenraum). Sie blickt uns direkt an. Die Hand ruht auf ihrem Geschlecht – nicht in einer abwehrenden Geste, sondern fast schon verführerisch. Die Pose der Venus pudica wird hier gekippt: Statt schamhafter Verdeckung haben wir eine kontrollierte, selbstbewusste Präsentation. Die Kritik der Zeigenossen richtet sich weniger gegen die Nacktheit an sich, sondern dagegen, dass diese Frau wie eine zeitgenössische, verfügbare Geliebte wirkt – und nicht wie eine unnahbare Göttin. Tizian zeigt formal nicht mehr Nacktheit als Botticelli, doch die verordnung der Venus in eine bürgerlich-aristokratische Lebenswelt, macht sie riskanter.
Nicht die Menge sichtbarer Haut entscheidet, sondern der Kontext – Mythos, Moral, sozialer Status.
Noch radikaler wird es im 19. Jahrhundert. Édouard Manet zitiert die Pose von Tizian in seinem Gemälde Olympia. Doch seine Figur ist keine Göttin mehr, sondern eine Pariser Prostituierte. Manet streicht die mythologische Tarnung komplett. Der direkte Blick der Frau konfrontiert das Publikum. Der Skandal entsteht nicht durch den nackten Körper, sondern durch die Realität, die plötzlich sichtbar wird. Die Nacktheit ist nicht idealisiert, sondern sozial situiert.
Damit habe ich dir drei Varianten einer Venus aufgezeigt: Die Göttlich-Reine, die Bürgerlich-Erotische und die Ökonomisch-Entlarvte. Lass uns einen Sprung zu den Männern machen.
Zensur der Männlichkeit: Feigenblätter und Übermalungen
Auch berühmte Meisterwerke bleiben von moralischen Eingriffen nicht verschont. Michelangelos David ist heute ein Symbol für den idealen männlichen Akt. Doch in späteren Jahrhunderten erhielt die Statue zeitweise ein abnehmbares Feigenblatt – für besonders empfindliche Besucher:innen. Es gab also quasi eine Zensur-Behörde, die bestimmte wann David nackt sein durfte und wann nicht. Aus heutiger Sicht schmunzeln wir hier vielleicht.
Noch drastischer waren die Eingriffe in der Sixtinischen Kapelle. Nach dem Konzil von Trient wurden viele nackte Figuren übermalt. Der Maler Daniele da Volterra erhielt dafür den Spitznamen „Il Braghettone“ – der Hosenmacher, weil er den Figuren von Michelangelo Tücher und „Höschen“ anmalte. Man kann heute noch nachvollziehen, wo Michelangelos ursprüngliche Nacktheit war und wo später Stoff dazugekommen ist.
Es ist ein praktisches Beispiel dafür, wie sich Moralvorstellungen ändern: Ein Bild, das einmal akzeptabel war, wird nachträglich „züchtiger“ gemacht. Die Kirche, die diese überwältigenden nackten Körper einst in Auftrag gegeben hat, bekleidet sie später aus demselben moralischen System heraus – nur eben in einer strenger gewordenen Auslegung. Das ist kein Einzelfall. Heutzutage ist man eher versucht, diese Änderungen wieder rückgängig zu machen, also die ursprüngliche Version wiederherzustellen.
Man kann also sagen: Nacktheit in der Kunst wird immer wieder neu verhandelt – mal als göttlich, mal als skandalös, mal als „zu viel“, mal als historisches Erbe, das man wieder „entblättert“. Die Geschichte der „verdeckten Geschlechter“ erzählt weniger über Körper, als über Blicke, Macht, Kontrolle und Moral. Wer entscheidet, was gezeigt werden darf? Wer darf nackt sein – Göttin, Ehefrau, Heilige, Sexarbeiterin?
Der Tabubruch: Courbets L’Origine du monde
1866 wagt der französische Maler Gustave Courbet etwas bis dahin Undenkbares. Sein Gemälde L’Origine du monde zeigt das weibliche Geschlecht in einer radikalen Nahaufnahme – komplett entblösst und komplett naturgetreu. Kein mythologischer Vorwand, keine symbolische Tarnung – nur Torso und Vulva im Zentrum der Leinwand. Nach so vielen Jahren Zensur wagt sich Courbet das zu malen, was nicht gezeigt werden durfte. Hinzu kommt: Das Geschlecht ist geöffnet und nicht geschlossen. Courbet wagt den Tabubruch und ebnet somit den nachfolgenden Generationen den Weg. Eine Sensation und natürlich ein riesiger Skandal.
Allerdings wird das Bild über 100 Jahre lang nicht öffentlich ausgestellt. Courbet hatte es für einen osmanischen Sammler erotischer Kunst gemalt. Dieser zeigte es nur ausgewählten Gästen – meist hinter einem Vorhang in seinem privaten Salon. So entstand ein paradoxes Phänomen: Viele Menschen hatten vom Bild gehört, nur sehr wenige hatten es wirklich gesehen. Das machte es schnell zu einer Art Mythos im Pariser Kunstmilieu.
Das Geschlecht und die Zensur heute
Man könnte denken, dass solche Debatten längst vorbei sind. Doch auch im 21. Jahrhundert sorgt Nacktheit noch für Irritationen. 2017 bewarb Wien eine Ausstellung über Egon Schiele mit grossformatigen Plakaten. Die nackten Figuren des Künstlers mussten in einigen Ländern nachträglich zensiert werden, vor allem in Deutschland und in England. Die Lösung war ironisch: Über das Geschlecht legte man einen weissen Balken mit der Aufschrift:
“Sorry, 100 years old and still too daring today.”
Die Geschichte der Feigenblätter ist also noch nicht zu Ende. Schaue deshalb bei deinem nächsten Museumsbesuch nicht nur den nackten Körper an, sondern auch das, was ihn verdeckt. Denn manchmal sind es die Feigenblätter, die die spannendste Geschichte erzählen.
Bilder:
(siehe Bildlegende, alle Bilder stammen von Wikimedia)
- Genter Altar, Jan van Eyck, 1432/35, Gent,
- Männerbad, Albrecht Dürer, 1496/97, Metropolitan Museum of Art, New York,
- Die Geburt der Venus, Sandro Botticelli, 1485/86, Galleria degli Uffizi, Florenz,
- Venus von Urbino, Tizian, 1538, Galleria degli Uffizi, Florenz,
- Édouard Manet, Olympia, 1863 © Musée d’Orsay, Paris,
- David, Michelangelo Buonarroti, 1501-04, Original in der Galleria dell’ Accademia, Florenz,
- L’Origine du monde, Gustave Courbet, 1866, Musée d’Orsay, Paris.
Welche Bilder, die zensiert wurden, kommen dir noch in den Sinn? Gib mir gerne ein Feedback.
Dieser Beitrag entstand zusammen mit Britta Kadolsky. Höre gerne in unsere gemeinsame Podcastfolge rein: Sex sells: Von Scham, Feigenblättern und verdeckten Geschlechtern.
Kennst du meinen Blogbeitrag über „Ikonen der Kunstgeschichte“ schon?