Die Hilti Art Foundation zeigt in der aktuellen Ausstellung «Hauptsache Malerei» bedeutende Werke von der klassischen Moderne bis hin zur Gegenwart. Hier begegnen sich Impressionismus, Kubismus, Expressionismus, Surrealismus und Futurismus. Die sichtbare, reale Welt weicht der abstrakten, gegenstandslosen Materie. Erkennen wir im ersten Raum noch die abgebildeten Gegenstände, wandeln sich die Werke im zweiten Raum hin zu einer geometrischen Komposition, wobei der Fokus auf Farbe, Fläche und Linie liegt. Im dritten Raum wird der räumliche Bezug aufgelöst und der Schwerpunkt liegt auf dem Entstehungsprozess, bei welchem nicht nur der Künstler, sondern beispielsweise auch die Schwerkraft oder die Beschaffenheit des Materials einen Einfluss nimmt. Ein nicht alltägliches Ausstellungskonzept – höchste Zeit also für einen Ausflug nach Vaduz.

In diesem Beitrag möchte ich zuerst auf die Familie Hilti und deren Sammlung sowie auf die Architektur des Museums eingehen, bevor ich auf die aktuelle Ausstellung zu sprechen komme und dir drei Werke im Detail vorstelle.

Die Hilti Art Foundation

Seit den 1970-er Jahren sammeln mehrere Mitglieder der Familie Hilti Kunstwerke. Nach dem Tod von Martin Hilti im Jahr 1997 beschliesst die Familie, die Werke aus dem Familien-Trust nicht aufzuteilen, sondern der Öffentlichkeit als Sammlung zugänglich zu machen. Das Ausstellungsgebäude in Vaduz wird 2015 fertiggestellt und bildet zusammen mit dem Kunstmuseum Liechtenstein eine kompositorische Einheit. Der Schwerpunkt der Hilti Sammlung mit rund 200 Werken von musealer Qualität liegt einerseits auf Malerei und Plastik zwischen 1880 und 1945, auch klassische Moderne genannt, andererseits auf der Kunst nach dem Zweiten Weltkrieg bis hin zur Gegenwart. So spielen unter anderem Expressionismus, Kubismus, Surrealismus und konkrete Kunst eine wichtige Rolle und Vertreter wie Picasso, Richter, Giacometti, Kirchner und Scully. Es geht nicht nur um den Erwerb von Kunstwerken; vielmehr bildet das Leben mit der Kunst für die Hilti Familie einen Schwerpunkt, weshalb sie in der Sammlung auf Qualität, Harmonie und die Freude am Schauen setzt. Hier wird die Frage gestellt: «Mit welchen Kunstwerken möchte ich leben?»

Beim Betrachten des Gebäudes, welches von Morger + Dettli Architekten aus Basel erbaut wurde, wird deutlich, dass ein klarer Bezug zum Kunstmuseum Liechtenstein besteht. Sowohl die kubische Form beider Gebäude, als auch die Fassadenkonstruktion und die bearbeitete Materialoberfläche weisen auf die inhaltliche Verbindung hin. Dies wird auch durch den Zugang unterstrichen, der ausschliesslich über das Museum möglich ist. Einzig die Farbgebung in Weiss und Schwarz deutet geschickt auf die Eigenständigkeit des Ausstellungsgebäudes hin. Ein architektonisches Erlebnis für den Besucher der Hilti Art Foundation sind sicherlich die beiden «Himmelsleitern» bzw. Treppen, die jeweils in die Obergeschosse führen und einen Ausblick in die Umgebung gewähren.

Ausstellung: Hauptsache Malerei

Noch bis 15. September 2021 ist die Ausstellung «Hauptsache Malerei» mit 36 ausgewählten Kunstwerken – davon 28 Gemälde – aus der Sammlung der Hilti Art Foundation in Vaduz zu sehen. So werden unter anderem Gemälde von Renoir, Picasso, Kirchner und Innes gezeigt. Acht Plastiken beispielsweise von Giacometti, Moore und de Kooning ergänzen die Ausstellung und nehmen Bezug auf die Malerei. Die Ausstellung ist auf drei Etagen zu sehen, wobei in jedem der drei Räume ein ganz neues Stil- und Betrachtungserlebnis entsteht. Sehen wir im ersten Raum primär impressionistische und kubistische Werke, widmet sich der zweite Raum der «Sprache der Geometrie». Losgelöst von einer klaren Formensprache und einer klaren Farbgebung, präsentiert der dritte Raum Malerei als «konzentrierten Prozess», in dem die Schwerkraft, das Licht und die Beschaffenheit der Farben eine wichtige Rolle im Gestaltungsprozess spielen. Jeweils ein Werk aus jedem Raum möchte ich dir näher vorstellen.

Corinth: Junge Frau mit Katzen (Charlotte Berend-Corinth), 1904

Das Werk von Lovis Corinth (1858-1925) hat mir besonders gefallen. Es wirkt einerseits sinnlich, andererseits wird der Betrachter durch die geschlossenen Augen der dargestellten Frau in einem gewissen Abstand zum Bild gehalten. Die junge Katze, welche die Augen geöffnet hat, stellt ein Verbindungselement dar. Corinth stellt seine 24-jährige Ehefrau Charlotte Berend dar, welche er kurz zuvor geheiratet hat. Zum Zeitpunkt der Entstehung des Portraits ist sie bereits schwanger. Der Ehering glänzt deutlich an ihrer Hand. Corinth malt sie lieblich, in einem luftigen Sommerkleid mit üppig dekoriertem Hut. Ihre helle Haut und die sommerliche Kleidung stehen im Kontrast zum dunklen Hintergrund. Zudem hält sie zwei junge Katzen in ihren Händen. Ein intimer Moment des Glücks und der freudigen Erwartung wird hier gezeigt. Lovis Corinth wird noch im selben Jahr Mitglied der Secession in Berlin. Charlotte diente ihm einerseits in zahlreichen Gemälden als Muse, andererseits war sie selbst als Malerin und Autorin tätig und wurde später auch als Mitglied in die Berliner Secession aufgenommen. Im zweiten Weltkrieg emigrierte sie über die Schweiz in die USA und starb 1967 in New York.

Mondrian: Tableau No. VIII with Yellow, Red, Black and Blue, 1925

Ein Klassiker. Viele haben versucht Mondrian (1872-1944) entweder direkt zu kopieren oder seinen Stil weiterzuentwickeln, aber der Meister bleibt unverkennbar. Wie kein anderer konnte er ein harmonisches Gleichgewicht zwischen Linien, Farben und Flächen herstellen. Der holländische Maler gilt als Begründer der Stilrichtung «Neoplastizismus» und gehört zu den wichtigsten Vertretern des Konstruktivismus. Seine berühmten, streng geometrischen Werke unter Verwendung der Grundfarben, zu denen auch das Gemälde aus der Sammlung Hilti zählt, schuf er ab den 1920-er Jahren. Das weisse Rechteck beansprucht hier so viel Fläche, dass die Grundfarben an den Rand gedrängt werden. Mondrian verzichtet in seinen Werken bewusst auf Symmetrie und Zentrierung, so dass das Auge des Betrachters es nicht nach mathematischen Regeln aufteilen kann. Gerade dieses scheinbar spielerische Kombinieren erschafft ein harmonisches Gleichgewicht. In den 1940-er Jahren löst der Künstler die strengen Kompositionen auf – es entstehen mosaikartige Werke unter Verwendung der Primärfarben. Mondrians künstlerisches Ziel war die Enthüllung des «Universalen». Dieses kommt jedoch in der Natur nur verschleiert zum Ausdruck. Durch die Reduzierung der Malerei auf Farbe (= Grundfarben), Fläche (= Rechtecke) und Linie (= Vertikale & Horizontale) kam er dieser lebendigen Einheit des «Wahren» näher. Seine 1917 in Leiden gegründete Künstlergruppe setzte den Fokus auf den von ihm geprägten Begriff der «Nieuwe Beelding», auch «neue Gestaltung» oder eben «Neoplastizismus» genannt.

Willem de Kooning: Cross-Legged-Figure, 1972

Der amerikanische Künstler Willem de Kooning (1904-1997) gilt als Hauptvertreter des abstrakten Expressionismus. In den 1970-er Jahren zieht sich der Maler mit holländischen Wurzeln zunehmend aus der Öffentlichkeit zurück und es entstehen mehrere plastische Werke, unter anderem dasjenige aus der Hilti Art Foundation. Das Interesse des Künstlers galt hauptsächlich der menschlichen Figur. Erkennungsmerkmal seiner Skulpturen sind die spielerische Bearbeitung sowie Umsetzung – man erkennt unmittelbar seine «Fingerabdrücke». Es scheint als ob die Figur von aussen nach innen entstanden ist. Die Hände des Künstlers folgen hier nicht der Logik der Figur, sondern umgekehrt – die Krafteinwirkung, konkret die Bewegungen des Erschaffers, erfolgen direkt auf dem Material und werden so sicht- und erlebbar. Der Mensch als solches ist noch zu erkennen, geht aber bereits in Gegenstandslosigkeit über. Als Betrachter verspürte ich die grösste Lust gleich mit meinen Händen die Figur weiterzukneten 🙂 Zudem ist die Figur auf eine Stützkonstruktion angewiesen, da sie nicht selber stehen kann. Durch diese Stütze wirkt sie schwebend, ja fast tanzend. Im Ausstellungsraum ist sie wunderbar platziert – etwas seitlich vor dem übergrossen Plexiglasspiegel von Bertrand Lavier («Augusta 2016, 2015»). Durch die Spiegelung entsteht quasi eine doppelte Verzerrung und man fragt sich, ob dem Betrachter gleich der indische Gott Shiva oder ein tanzender Sufi entgegenspringt.

Nach so einer spannenden Reise durch die Kunst- und Kulturgeschichte habe ich natürlich Hunger – was könnte hier besser schmecken als ein frisches Sushi aus dem hauseigenen Restaurant 🙂

Möchtest du mehr über die Museumsmeile in Vaduz erfahren? In diesem Video findest du einen Überblick:

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Adresse: Hilti Art Foundation im Kunstmuseum Liechtenstein, Städtle 32, 9490 Vaduz
Öffnungszeiten: Di-So: 10Uhr bis 17Uhr, donnerstags bis 20Uhr, Montag geschlossen
Aufgrund der aktuellen Lage können die Öffnungszeiten abweichen. Bitte informiere dich über die Website.

Siehe dir auch meinen Artikel zum Kunsthistorischen Museum in Wien an.

Literatur- und Quellenangaben

  • Hilti Art Foundation: Die Sammlung. Band 1. Kunst der klassischen Moderne. 1880-1950, München 2019.
  • Hilti Art Foundation: Die Sammlung. Band 2. Kunst von 1950 bis heute, München 2020.

Bilder: Eigene Aufnahmen (sofern nicht anders beschriftet)

Hinweis: Dieser Artikel entstand in Kooperation mit der Hilti Art Foundation.