Tiere in der Kunst waren schon immer ein beliebtes Thema – sei es sie zu malen, zu fotografieren oder als Skulptur zu formen. Sie werden naturnah, realistisch, wild und gefährlich, aber auch humorvoll, witzig und liebevoll dargestellt. Manche sind frei, manche gefangen. Tiere sind Attribute von Heiligen und von Göttern. Und Fabelwesen wie Drachen oder Einhörner faszinieren die Menschen seit Jahrtausenden.
Dass Tiere für uns Menschen wichtig sind, zeigt nicht nur die Geschichte, sondern auch die vielen Sprichwörter, die von Tieren handeln und metaphorisch gemeint sind: Einen Frosch im Hals haben. Die Sau rauslassen. Jemandem einen Bären aufbinden. Die Katze im Sack lassen. Hundemüde sein. Oder kann man mit dir vielleicht sogar Pferde stehlen? Im heutigen Blogbeitrag tauchen wir ein in die wundervolle und faszinierende Tierwelt.
Tiere aus Bronze: Der Bildhauer August Gaul
Einer der bekanntesten deutschen Bildhauer des 19. Jahrhunderts, der Tiere in der Kunst erschaffen hat, ist August Gaul. 1869 wird er geboren. Seine vielen bronzenen Tier-Skulpturen sind aktuell im Liebighaus in der Ausstellung «Tiere sind auch nur Menschen» (bis 03.05.2026) zu sehen. Über hundert Tierplastiken von Gaul aus Bronze, Keramik und Marmor treten in den Dialog mit Skulpturen aus drei Jahrtausenden. So sehen wir beispielsweise den Kopf des Orang-Utans Jumbo von Gaul direkt neben der Büste von Marc Aurel stehen. Die beiden Köpfe nebeneinander mag befremdend wirken, doch gleichzeitig regen sie uns auch zum Denken an.
August Gaul stellt Tiere in allen Grössen dar. Ein riesiger Adler thront auf der Balkonbalustrade beim Eingang des Museums. Seine Flügel sind weit ausgestreckt, als sei er im Begriff gleich abzuheben und zu fliegen. Und dann kreiert Gaul winzige Enten, die nur ein paar Zentimeter gross sind.
Bemerkenswert ist, dass Gaul die Tiere nie als gefährlich darstellt. Seine Löwen fletschen nicht die Zähne oder machen uns Angst. Im Gegenteil, er stellt sie so dar wie sie in der Natur sind: Mal träge, mal aufmerksam, mal faul, aber auch majestätisch. Zudem stellt er sie sehr naturgetreu dar. Fun Fact: Gaul gewinnt eine Dauerkarte für den Berliner Zoo und dort ist er vielfach zu finden. Er studiert die Tiere – ihre Bewegungen, ihr Aussehen.
Jedes Haar sitzt: Die naturnahen Darstellungen von Albrecht Dürer
Ein weiterer Künstler, der Tiere so naturalistisch dargestellt hat, ist Albrecht Dürer. Seine Tierdarstellungen fesseln mich jedes Mal aufs Neue. Sie wirken fast fotografisch. Der Feldhase gehört zu seinen bekanntesten Werken und befindet sich in der Albertina in Wien. Jedes Haar ist detailgetreu abgebildet. Der Hase ist so flauschig, dass man ihn streicheln möchte. Hoppelt er vielleicht gleich aus dem Bild? Auch die Darstellung des Flügels einer Blauracke ist unübertroffen. Mir persönlich gefallen die Sizze eines Käuzchens oder seine Hundedarstellungen.
Dürer stellt die Tiere mit wissenschaftlicher Genauigkeit dar. Er studiert und beobachtet sie; nimmt es sehr genau mit der Naturbeobachtung. Doch nicht alles gelingt: Sein Nashorn erkennen wir zwar als Nashorn, aber ganz so echt sieht es dann doch nicht aus. Warum? Er hatte noch kein echtes gesehen, sondern es sich beschreiben lassen. Vielen Künstlern erging es so wie Dürer. Bei Kulturreisen entdecken wir immer wieder Tiere wie beispielsweise Löwen, die einen menschlichen Kopf haben. Das liegt fast immer daran, dass die Künstler noch keinen echten Löwen gesehen haben.
Unser Entdeckergeist endet vielfach tragisch für einzelne Tiere: 1515 wird ein ausgewachsenes Panzernashorn mühselig auf ein Schiff geladen. Seine Vorderfüsse befinden sich in Eisenketten. Doch das Schiff sinkt vor der portugiesischen Küste. Nicht zu vergessen sind die vielen Tiere, die im Kolosseum in Rom gegeneinander kämpfen mussten. Die meisten davon dürften bereits bei der Anreise gestorben sein. Später wollten wir die Tiere im Zoo betrachten, wussten aber zuerst nicht, wovon sie sich ernähren. Ein trauriges Kapitel.
Tiere als Attribute: Die vier Evangelisten
Den vier Evangelisten wurden Tiere als Attribute gegeben, so dass man sie in Bildern gleich erkennt. Diese Zuordnung geht auf die frühchristliche Ikonografie zurück. Viele Gläubige konnten damals nicht lesen und so brauchte es Merkmale, die die Heiligen sofort identifizierbar machten. In Mosaiken, Illuminationen und Fassaden dienen sie seit Jahrhunderten als klares Erkennungszeichen und ordnen den Texten eine feste Bildsprache zu.
Bei den Evangelisten symbolisiert jedes Tier bestimmte Eigenschaften, die dem jeweiligen Evangelisten oder seiner Botschaft zugesprochen werden. Der Adler symbolisiert Johannes den Täufer, der Löwe den heiligen Markus. Es sind beides sehr starke Tiere: Der Löwe steht für Mut, Kraft, königliche Würde und Auferstehung. Der Adler repräsentiert Weitsicht, spirituelle Inspiration und himmlischer Aufstieg. Lukas wird von einem Stier vertreten, der für Geduld, Dienst- und Opferbereitschaft steht. Matthäus wird vom Menschen (wegen des Stammbaumes) oder einem Engel repräsentiert, welcher Menschlichkeit und Vernunft verkörpert.
Der Löwe dient als Schutztier für viele Städte. Die bekannteste davon prägt die Stadt Venedig. Der Markuslöwe ist politischer und religiöser Träger von Macht und das Wahrzeichen der Stadt. Seine Flügel, die Mähne und das aufgeschlagene Buch stehen für Schutz und Autorität.
Fotografie und Moderne: Wie sich die Perspektive ändert
Tiere wurden früher fast ausschliesslich als «Ganzes» abgebildet. Dass wir Details beziehungsweise Bildausschnitte heute sehen, ist vor allem der Fotografie zu verdanken. So hat Imogen Cunningham ein Foto von einem Zebra gemacht, in welchem wir nur den Unterbauch und ein kurzes Stück der Beine sehen, aber dank der Musterung des Tieres ist es sofort als Zebra erkennbar. Auch Victor Vasarely nimmt das Muster von Zebras auf. Seine „Zebra“-Motive sind eine frühe Serie, die seine Entwicklung zur Op-Art massgeblich prägte. Die schwarz-weissen, verwobenen Linien erzeugen durch optische Täuschung die die Form des Tieres.
Beim Pop-Art Meister Andy Warhol wird das Zebra bunt: Orange- und Rottöne zwischen schwarzen und weissen Linien. Der Hintergrund des Close-ups ist blau. Solche Nahaufnahmen und die Farbigkeit sind wir uns heute gewöhnt. Doch noch vor ein paar hundert Jahren wäre das undenkbar gewesen.
Die Bestie – unsere Urangst: Der Hai von Damien Hirst
Damien Hirsts Hai zählt zu den bekanntesten Arbeiten der 1990er Jahre. Der Titel „The Physical Impossibility of Death in the Mind of Someone Living“ klingt gross, die Idee ist klar: Ein echter Tigerhai liegt in einer Vitrine mit Formaldehyd gefüllt. Der Hai ist frontal ausgerichtet, fast so, als würde er den Betrachter direkt ansteuern.
Hirst zeigt kein Naturwunder, sondern ein Tier, das in einem künstlichen Zustand gefangen ist. Der Hai wirkt gleichzeitig mächtig und entmachtet. Genau diese Spannung macht das Werk so umstritten: Es stellt Fragen nach Kontrolle, Vergänglichkeit und dem Umgang mit toten Tieren in der Kunst.
Die Idee finde ich beeindruckend. Damien Hirst hat gross gedacht: Er hat einen echten Hai fangen lassen – DER Angstfeind des Menschen (spätestens seit Steven Spielbergs Film der Weisse Hai) – und hält uns dann einen Spiegel vor. Der Mensch kann ihn fangen – sind wir deshalb das grössere Monster? Als Betrachter wird man zwingend mit dem Tod konfrontiert.
Viele Kritiker sehen in der Arbeit reinen Effekt. Hinzu kommt, dass der ursprüngliche Hai plötzlich in der Vitrine anfängt zu faulen. So muss Hirst erneut einen Hai fangen lassen und ihn konservieren. Das sorgte damals für viel Spott. Der Hai ist nicht seine einzige Arbeit – er legt auch Kühe und Kälber in Formaldehyd ein.
Der Hund: Zwischen gefühlvollem Wesen und Pop-Ikone
Hunde gehören zweifelsfrei zu den beliebtesten Tieren und so werden sie oft in der Kunst dargestellt. Ein Künstler, der nicht nur Hunde, sondern Tiere generell häufig gemalt hat, ist Franz Marc. Seine Tiere tragen starke Farben – blau, gelb, rot. Für Marc war es wichtig zu zeigen, wie ein Tier die Welt empfindet (nicht wie wir es sehen). Er stellte das Tier als fühlendes Wesen in den Mittelpunkt.
Eines meiner Lieblingsbilder ist sein «liegender Hund im Schnee», das sich im Städelmuseum befindet. Der Hund liegt friedlich auf einer schneebedeckten Fläche und schläft. Im Hintergrund sehen wir eine Baumreihe. Das Bild wirkt ungemein harmonisch. Marc hat hier seinen eigenen Hund Russi abgebildet, ein sibirischer Schäferhund. Die Wertschätzung ist eindeutig erkennbar. Das Tier dient dem Künstler als Symbol «ursprünglicher» Reinheit.
Ganz anders als Marc stellt Jeff Koons Hunde dar. Wenn wir einen «Balloon-Dog» von ihm sehen, huscht schnell ein Schmunzeln über unser Gesicht. Es ist ein glänzender Riese, der aussieht, als hätte jemand ein Kinderparty-Ballontier auf XXL aufgeblasen. Koons trifft damit den Nerv der Zeit: Ein Objekt, das wir als Geschenk aus unserer Kindheit kennen, wird zum Kunstereignis. Zwischen 1994 und 2000 erstellt Koons mehrere Versionen seines Balloon-Dogs in verschiedenen Farben.
Der Hund wirkt leicht wie Luft, doch er besteht aus schwerem Stahl. Die glänzende, polierte Oberfläche spiegelt alles rundherum. Hier schwankt die Stimmung zwischen Spass und Luxus. Koons spielt bewusst mit dieser Mischung: Ein «billiges» Partyobjekt wird zum Luxusgut und damit begehrenswert. So können uns einfache Formen prägen. Doch die Wirkung bleibt trotzdem leicht und spielerisch. Wir schauen uns den Hund gerne an, auch ohne komplizierte Interpretation.
Exotische Tiere und ihre Bedeutung
Frida Kahlo fügte oft Tiere in ihre Bilder ein, besonders in ihre Selbstportraits. Vielfach dienen sie ihr als Spiegel ihrer körperlichen und emotionalen Lage. Hunde, Papageien und Affen sitzen nahe bei ihr. Ein Reh wird von Pfeilen durchbohrt. Hier verbindet sich der Tierkörper mit ihrem eigenen Leid, denn durch einen Unfall war sie immer wieder ans Bett gefesselt und hatte Schmerzen. Tiere sind bei Kahlo nie bloss Staffage, sondern repräsentieren ihre Gefühle und Ängste.
In Europa sind die Künstler von exotischen Tieren wie Papageien, Lobster und Affen fasziniert. Diese werden häufig in Stillleben abgebildet. Sowohl exotische Tiere als auch exotische Früchte, konnten sich früher nur die Oberschicht leisten. Mich begeistert es stets aufs Neue sich auf ein Stillleben einzulassen, um dort die vielen Tiere zu entdecken.
Der Affe wird in Stillleben meist keck und verspielt dargestellt. In anderen Werken erscheint er provokant. Mal ist er unabhängig und frei, dann wieder angekettet und unfrei. Es gibt viele satirische Bilder, in denen der Affe den Menschen nachahmt. Diese Bilder halten uns einen Spiegel vor.
Dies tut auch der berühmte Heidelberger Brückenaffe, der heute ein touristischer Magnet ist. Die aktuelle Skulptur stammt von Gernot Rumpf und wurde 1977 aufgestellt. Der Affe hält einen Spiegel in der Hand. Die Berührung des Spiegels verspricht Reichtum. Oder erinnert sie uns an unsere Gier und Eitelkeit? Damit du Heidelberg wiedersiehst, musst du den Affen berühren. Somit liegt die Entscheidung ganz bei dir.
Ein weiteres exotisches Tier ist der Flamingo. Hier kommen mir als Erstes die Sprayfiguren von Harald Naegeli in den Sinn. Zwei davon befinden sich in der Zürcher Innenstadt. Der Vogel ist aber bereits in der Antike ein beliebtes Motiv. Eine der ältesten gefunden Vasen mit mehreren Flamingos drauf stammt aus Ägypten und wird um 3700 v. Chr. datiert. Auch auf römischen Mosaiken entdeckt man den Vogel. Das Tier symbolisiert Eleganz, Liebe und Fürsorge. Im 20. Jahrhundert wird er zur Ikone in Zusammenhang mit der Popkultur. Modeschöpfer nehmen ihn in die neueste Kollektion auf und im Pool dient er uns bis heute als Schwimmreifen.
Fazit: Tiere in der Kunst – so bunt und vielfältig wie die Tierwelt
Es gäbe gefühlt noch unendlich viele Tierdarstellungen, auf die ich eingehen könnte. Das Thema ist spannend und vielfältig zugleich. Mich faszinieren die Fabelwesen wie Drachen und Einhörner – davon erzähle ich dir in einem separaten Blogbeitrag.
Auch auf die Tiersymbolik der antiken Götter einzugehen, wäre spannend, würde jedoch den Rahmen sprengen. Hier verweise ich gerne auf meinen Blogbeitrag «Götterwelten».
Deshalb verabschiede ich mich für heute und mache die Fliege 😉
Hier geht es zu unserer neuen Podcastfolge über Tiere in der Kunst.
Bilder: Eigene Aufnahmen, siehe Verweis in Bildern